ULRICH SEIBT
2024
Kunstverein Schwäbisch Hall e.V., Galerie am Markt, Schwäbisch Hall
"Ulrich Seibt - überzeichnen"
Ausschnitt aus der Einführungsrede
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Gilbert Fels
Autor in Stuttgart
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Linien/Spiel
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es werden / und sind dann / meist mit Rapidographen, also Tuschstiften, wie sie früher von
Architekten benutzt wurden / parallele Linien eng aneinander gesetzt / mathematisch
gesprochen: Strecken / und die konzentrierte Ruhe, die zu ihrer Herstellung erforderlich ist, teilt
sich auch ihrer Anmutung mit /
meist in schwarz oder anthrazit, aber auch in rot, wenige in blau / sich zu Streifen, Flächen
addierend / scharf begrenzt oder die Striche an einem der Ränder auslaufend / horizontal,
vertikal / einander überlagernd, kreuzend / und keineswegs nur in rechten Winkeln /
[...]
es handelt sich dabei nicht um Schraffuren, die illusionistisch-dreidimensionalen Zwecken
dienen / wir haben es mit reiner mathematischer Abstraktion zu tun / sie sind eher so etwas wie
Rasterungen, Gitter / Flächigkeiten jedenfalls / und in der Tat geht dem Blick aus Distanz ihre
aus unzähligen einzelnen Linien gebildete Beschaffenheit verloren und wirken sie als Streifen,
Bänder, Felder, als homogene Strukturen / Grauwerte, Farbwerte / allermeist mit der Anmutung
strenger geometrischer Umgrenzung und Form / auch Grenzen sind Linien / allerdings
verweigern sie sich meist Symmetrien /
um diese Betrachtung nun zu resümieren / also! / Zeichnung scheint der Ausgangspunkt und
Kern / und Linie deren Gegenstand und Mittel / ohne jegliche figurative Funktion, vielmehr als
reine abstrakte Setzung / und aus Linien wiederum gebildet, Leisten, Stäben, die Gestelle, die
Gestänge / und mittels der Fäden um eine weitere lineare Ausprägung ergänzt / und in ihrer
Durchlässigkeit um diejenigen Linien angereichert, die die Hintergründe beisteuern, die innerhalb
ihrer Konturen sichtbar werden / abhängig diese vom Zufall / von Aufstellung, Blickachse,
Örtlichkeit /
ist dies das Thema? Linie? / das zentrale gestalterische Element dieser Arbeiten / in einer
reichen, differenzierten Orchestrierung? in dutzenderlei Variationen, Umsetzungen,
Ausprägungen, Demonstrationen / Linie? eine Dimension des Verfasstseins, Gefügtseins von
Raum?
[...]
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2019
Atelierhaus Wilhelmstraße 16 e.V.
Stuttgart-Bad Cannstatt
/Zeichnungen/Dinge/Orte/
Ausschnitt aus dem Katalogtext
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Anja Rumig
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"Ulrich Seibt – Zeichnen oder die Spielregeln der Zeit"
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(...) Ulrich Seibts gestalterische Thematik besteht in der Verbildlichung von Zeit und ihrer Erscheinungsmodalitäten im Bereich des Dinglichen und exemplarisch Zuständlichen vor dem Hintergrund der Frage nach den sensiblen Grenzen von Identität und Authentizität, deren Konstitution allem Zeitlichen unterliegt.
Worten und Begriffen misstrauend, weil deren Bedeutungsradius so weit über das Gemeinte hinausgeht, dass Letzteres in seinem Sinngehalt nur annähernd gefasst werden kann, lehnt Ulrich Seibt jegliche Art erzählerischer Darstellungsweisen ab. Vielmehr vertraut er auf die evokative Kraft seiner zeichnerischen Mittel und Materialien, die formal und substanziell ausschließlich selbstreferenziell zum Einsatz kommen.
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Zeit als Phänomen, dem unser Verständnis von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem zugrunde liegt, macht Ulrich Seibt in seinen Arbeiten lesbar durch Rapporte eines Gleichen oder Ähnlichen, um durch dessen situative Veränderungen Bewegung, Bewegungssequenzen und Bewegungsabfolgen als Verlauf von Zeit im Bildraum zu visualisieren. Zeitabschnitte und deren gegenseitige Interaktionen macht der Künstler optisch fassbar durch die Überlagerung von Kompositionselementen, wobei jene sowohl durchscheinend als auch gänzlich abdeckend sein kann. Damit bleibt die Veränderung eines Ursprünglichen bzw. in der Zeit Zurückliegenden durch die Verbindung, ja Verschmelzung mit einem Neuen und dessen Ausgangskonstitution präsent. Vorausgegangenes kann aber auch durch ein erst in der Gegenwart entstanden Anderes substanziell überdeckt, ja gänzlich verdeckt werden und sich dadurch für immer der Erinnerung zu entziehen, wenngleich es immer noch existent ist. Gestalterisch handelt es um Schichtung einzelner Bildelemente aus Farbsubstanzen, wie Graphit, Kreide, Tinte und Lack, aber auch um Schichtung und Faltung von Transparent- und anderen Papieren im Kontext des Bildorganismus. Zum Einsatz kommen dabei häufig auch farbige oder farblose Klebestreifen, die nicht nur funktional als Montagesubstanz, sondern ebenso als lineare oder flächenbildende Komponenten in die jeweilige Komposition mit eingebunden werden.
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In Ulrich Seibts Zeichnungen aus der Mitte der 90er Jahre, in denen Flächiges und Lineares dialogisch die Abläufe im Bildprozess markieren, sind speziell im Auftrag dicker, geradezu ausufernder Lackpartien Reminiszenzen an die Malerei, mit der er lange experimentiert hatte, spürbar (Abb. „O.T./1, 1994). Diese Phase, in der, so der Künstler, „das Chaos noch mitschreiben durfte“, mündet am Ende des Jahrzehnts in eine Werkperiode, in der das Chaos durch die Anlage von Rastern und Kolonnen quasi gebändigt wird: Es entstehen Ulrich Seibts „Zeit“- und „Zeugzeichnungen“. So dokumentiert sich in der Arbeit mit dem Titel „Zeit 8“ von 1998 (Abb.) das Fortschreiten von Zeit parallel zur Handlung des Zeichners als solcher, indem auf gefalteten Transparentpapieren der Akt des Schreibens simultan von einem Rapport damit in Verbindung stehender Uhrzeiten begleitet wird. Die Massierung von Zeitmomenten wird dabei durch die Faltung und das Durchscheinen der mittels eines Heftstreifens gebündelten Papiere nicht nur optisch sondern auch taktil erlebbar gemacht. Faltung und Schichtung von transparentem Trägermaterial bedingt auch das evokative Potential der in Tusche ausgeführten Zeichnung „Zeug19“ aus dem Jahr 1999 (Abb.), bei der die Linien und Flächen vom „Zeug“ selbst, hier einer asiatische Schere, vorgegeben sind. Durch die Wiederholung und Variation des gleichen Motivs auf jeweils einem neuen Blatt Papier und die Transparenz eines vielfachen Darunters und Darübers als Dokumentation verschiedener Zeiteinheiten ergeben sich vielfältige Modifikationen des Ausgangsmotivs, so dass sich beispielhaft abzeichnet, wie im Verlauf der Zeit die Grenzen der Identität veränderlich werden.
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In den 2000er Jahren hat Ulrich Seibt die Gestaltung von Wand- und Raumobjekten, die sich ebenfalls durch das Moment der Überlagerung unterschiedlichster Form- und Materialmentalitäten auszeichnen, wieder aufgenommen. Im Zuge dessen verändern sich die pyhsiognomischen Merkmale seiner Zeichnungen dahingehend, dass sie sich von nun an mehr und mehr als archiketonisch angelegte Bildräume charakterisieren, in denen Senkrechte, Waagrechte und Diagonale den Ton angeben. Subjektivität im Sinne von emotionaler oder stimmungsbedingter Expression wird in diesen konzertanten Bildräumen aus stets gerade verlaufenden Linien gänzlich ausgeklammert. Passagen, aus einer Vielzahl feiner, mittels eines Parallelführungslineals gleichmäßig ausgeführter Tusche-, Bleistift-, teilweise auch Buntstiftlinien, die sich in ihrer Fülle und Konzentration wie eine Huldigung an die Gerade zu verstehen geben, treffen in unterschiedlicher Weise aufeinander: indem sie sich gegenseitig über- und hinterfangen, sich ineinanderschieben oder überkreuzen und sich dadurch gewebe- und gitterartig miteinander verbinden oder voneinander abgrenzen. Als konstrastierendes Gegengewicht zu diesen zarten, transluziden Liniengefügen baut Ulrich Seibt partienweise dunkeltonige und vergleichsweise farbkräftigere Bildzonen aus Signiertinte oder farbigen Klebebändern ein, die sich als Flächensegmente mit differenzierten Binnenstrukturen kulissen- oder balkenartig in den Vordergrund schieben und in manchen Arbeiten durch eine veränderte Perspektivik das Durchdringen unterschiedlicher Räume suggerieren. Titel wie „Bauen“ und „Umbauen“ dokumentieren und manifestieren diese Art von Bildgeschehen.
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In Ulrich Seibts Zeichnungen dieser Periode, die im Prinzip bis heute andauert, materialisiert sich die jeweilige Andersartigkeit des vermeintlich Gleichen auf höchst subtile und differenzierte Weise. Macht man sich die übergreifende Thematik im Kontext dieser Beobachtung bewusst, wird deutlich, dass in seinen Kompositionen ein möglicher Glaube an die Kontinuität von Zeit und Raum ad Absurdum geführt und dem Faktum des Aneinanderstoßens und Ineinandergreifens je unterschiedlicher Entitäten gegenübergestellt wird. Die Identität des Einzelnen zeichnet sich als Variable ab, bedingt von der situativ bedingten Koinzidenz aufeinander einwirkender Einzelphänomene.
Ulrich Seibts Arbeiten sind von hoher sinnlich-haptischer Qualität. Ihre geistige Dimension überlässt der Künstler nicht allein dem Zweidimensional-Visionären, sondern verleiht ihm auch physischen Ausdruck. Waren bereits bei seinen Arbeiten der 90er Jahre mit verschiedenartigen Papieren als Zeichnungsträger deren Schichtungen und Faltungen ein wesentliches Mittel zur Veranschaulichung von Durchdringung und Überlagerung unterschiedlicher Zeitsequenzen und der dadurch bedingten Veränderungsprozesse, versieht er seit 2005 seine Kompositionen mit Einschnitten in das Papier selbst, um die situationsdeterminierte Konstitution der Einzelphänomene und das komplexe Verhältnis derselben untereinander gerade am Papierkorpus als solchem – im wahrsten Sinne des Wortes – plastisch und greifbar zu machen. Dadurch ergibt sich eine Fluktuation des Geschehens von der Bildebene auf die Realitätsebene des Betrachters, was eine erhöhte Identifikationsmöglichkeit des Rezipienten mit dem Dargestellten offeriert.
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Die Überschneidung, Überlagerung sowie Durchdringung von Sinnsequenzen und deren Durchlässigmachung bis hin zu ihrer Verletzung durch Einschnitte ins Material, gipfelt in den sogenannten „Einträgen“ ab 2012. Hierbei handelt es sich um zeichnerische Kompositionen, aus denen der Künstler eine ganze Bildpartie herausschneidet und durch etwas Anderes, etwas Neues ersetzt, beispielsweise durch einen Teil einer zuvor entstandenen Arbeit oder durch ein Motiv, das er im Internet entdeckt und ausgedruckt hat (Abb.). Durch dieses Verfahren wird nicht wie bei der Collage ein Zurückliegendes nur überdeckt und dem Aktuellen dennoch einverleibt, sondern es wird in Gänze eliminiert und aus dem Kontext jeglicher Möglichkeitsform des Noch-Mitwirkens ausgeschlossen. Das dafür nun eingesetzte Stück – letztlich nicht mehr und nicht weniger als ein Fragment einer anderen Sphäre - verkörpert einen bedingungslosen Austausch, eine Inkorporation im Sinne einer Neuidentifikation schlechthin, deren Konstitution gerade ihren Anfang nimmt. Gestalterisch wird sie in das bereits Bestehende des zeichnerischen Motivs integriert, indem der Künstler nach dem „Ineinanderschneiden“ der heterogenen Bestandteile die Komposition erneut bearbeitet und sie zu einem homogenen Ganzen aus heterogenen Bestandteilen zusammenwachsen lässt.
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Das Phänomen Zeit interagiert mit dem Menschen des 21. Jahrhunderts adäquat zu dessen medialen und technologischen Ausstattung im Sinne menschlicher Identifikation mit derselben. Dadurch bedingt, vergeht Zeit für den Menschen von heute schneller als für die Menschen in früheren Epochen, indem er über ein mediales und technologisches Instrumentarium verfügt, Zeit mit maximalem In- und Output auszufüllen. Seine zeitadäquaten Mittel – namentlich das Internet - ermöglichen es dem Menschen von heute darüber hinaus, Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges miteinander zu verquicken und sich virtuell dazwischen zu schalten, wenngleich nicht aus den Augen zu verlieren ist, dass er es dabei mit einer teilweise manipulierten, einer „gesäuberten“ Repräsentation von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zu tun hat. Die Folge dessen ist, dass er sich selbst immer weniger klar als Zeitgenosse verorten kann, so dass sich die Frage erhebt, wo und wie sich Identität und Authentizität vor diesem weiten Horizont überhaupt noch greifen lassen. Ulrich Seibts Zeichnungen bedeuten in diesem Zusammenhang eine Spurensuche.
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2009
KunstRaum Kurt Strohm, Laichingen
bei mir daheim
Ausschnitt aus der Einführungsrede
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Otto Rothfuss
Kurator Kunstverein KISS, Schloss Untergröningen​
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„mäander 3" vereinigt in sich ähnliche künstlerische Absichten, aber das Geschehen erfolgt in weißer Gelassenheit und Subtilität. Das ist bei „mäander 4" anders. Schon die Materialliste mit Beton, Aluminium, Holz, Lack, Keramik, PVC, Papier stimmt uns auf ein dramatisches Geschehen ein. Hier haben wir wirklich ein Aggregat vor uns, wie Ulrich Seibt früher seine Skulpturen bezeichnete, das wie auf Raketenbrennern startet und mit silberfarbenen Aluminiumrohren und Schläuchen Energie in den Raum transportiert, mit gekugelter Holzsäule den Topos der daneben stehenden Betonsäule verdoppelt und durch Betongewichte und Betonverbindungen am Abheben gehindert wird.
Mit dem Bildobjekt „fenster" wird die Ausstellung übergeleitet zu den Zeichnungen an der linken Wand. Die purpurfarbene Lackfläche verbreitet meditative Ruhe und widersteht der Versuchung, sich mit den Fenstern des Raumes zu messen, die ja sowieso alle aussehen, als kämen sie aus Ulrich Seibts Atelier. Nur das agile weiß-graue Klettergerüst steckt die Fensterproportionen ab und verbreitet die erforderliche Portion kreativen Chaos’.
Die 2 Zeichnungen auf Papier rechts von der Tür, aus dem Jahr 2008, könnten als Diptychon gesehen werden. Ihnen gemeinsam ist eine Gitterschraffur aus Graphit, die teilweise kollagiert ist und den starken, fast räumlich wirkenden Akzent durch PVC-Klebebänder, Kugelschreibertinte und Lack schafft.
Die Zeichnung links von der Tür weist vergleichbare Strukturelemente auf, ist aber noch stärker kollagiert und schließt mit dem Fanfarenrot an die Farbe des Tischrelikts bei „fuge 4" an, somit den Reigen der Exponate schließend.
Ulrich Seibt ist hier im Kunstraum mit der markanten grafischen Querkomponente eine meisterhafte Ausstellung geglückt, mutatis mutandis fast ein Gesamtkunstwerk, das sensibel auf die Proportionen, das Licht, die Architektur- und Nutzungselemente dieses ganz besonderen Raums eingeht, beispielsweise die Säulen, die entweder durch schlingernde Linien konterkariert und durch Parallelbildung ironisiert werden, oder die Farbspritzer auf dem Fußboden, die weich verlegten Elektrokabel, die Tür- und die undefinierbaren Holzrudimente, ein Ganzes, das Sie so nie wieder zu sehen bekommen, denn die Elemente der Installationen und der Räume sind ständig im Fluss. In der Welt von Ulrich Seibt ist alles Prozess, das panta rhei wird künstlerisches Ereignis. Der Künstler hat einen Blick hinter den Schleier der Maja geworfen, die Erscheinungswelt sowohl der nützlichen als auch randständigen Dinge und Materialien kann er transformieren und somit transzendieren.
Nichts bleibt bestehen, alles ist Proportion, gegenseitige Erhellung und künstlerisches Vektorfeld, alles geschieht mit ästhetischem Bewusstsein und Witz, worunter ich Verstand und Phantasie, gepaart mit funktionaler Überraschung verstehe.
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2005
Preisträgerausstellung der II Ellwanger Kunstausstellung 2004
Schloss ob Ellwangen
24.4. – 5.6.2005
"Ulrich Seibt"
Ausschnitt aus dem Katalogtext
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Dr. Olaf Mückain
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Schichtung als Geschichte
(...) In seinen graphischen Arbeiten erprobte Ulrich Seibt 1998 erstmals das Gestaltungsprinzip des Schichtens, welches durch den Einsatz verschiedener Materialien und Techniken seinen Werken einen noch höheren Grad an Komplexität beschert. In Riss 10 aus dem Jahr 2003 („Riss“ steht wie bei dem Begriff „Grundriss“ für eine Zeichnung) resultieren die verschiedenen Lagen aus eingeklappten oder einander überschneidenden Flächen. Die Silikonstreifen wurden während des Werkprozesses mit Schablonen aus Klebestreifen begrenzt. Durch ihre mattweiße Färbung kontrastieren sie mit dem dunklen Rechteck im Zentrum und scheinen über allen anderen bildnerischen Elementen im Bildvordergrund zu schweben. Der Künstler erstrebt in seinen Arbeiten eine Wirkung, die zwischen Hermetik und Transparenz oszilliert, und versiegelt zu diesem Zweck die Oberflächen mit durchscheinenden Substanzen wie Silikon. Wie ein dämpfender Schleier legen sich die durchsichtigen Kunststoffschichten und Transparentpapiere vor die zeichnerischen Spuren, malerischen Verwischungen sowie Abdrücke und umhüllen all diese mit ihrem abstrakten Sfumato. Seibt verfolgt an dieser Stelle das Konzept einer Entgrenzung des Bildraumes, insofern nicht nur die bildimmanenten Umrisse der Gestaltungselemente nach allen Richtungen hin verschwimmen, sondern indem auch eine optische Auflösung des Bildrahmens zum umgebenden „Luftraum“ hin eintritt - ein Effekt, der noch von den ins Unendliche reichenden, vom Bildrand überschnittenen Linien und Balken flankiert wird (vgl. Bekleben, markieren, öffnen, 1998). Die gelegentliche Vorliebe für - allerdings leicht unregelmäßig geführte - Parallel- und Rasterstrukturen stützt aufgrund deren wesenseigener Repetition das Streben ins Grenzenlose. Die Werkgruppe der raumgreifenden „Aggregate“ folgt diesem Phänomen im Zuge einer allseitigen räumlichen Öffnung und fügt den transluzenten Graphiken durch eingebaute „Sichtfenster“ die Durchsicht von beiden Seiten hinzu, so dass Innen und Außen nicht mehr prinzipiell geschieden sind. (...)
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